Heussinger et al. Oligoclonal bands predict multiple sclerosis in children with optic neuritis. Ann Neurol. 2015;77(6):1076-82. doi: 10.1002/ana.24409

Darstellung von J. Piel


Hintergrund:
Optikusneuritis (ON) ist bei Kindern eine seltene Erkrankung bei einer Inzidenz von 0,0002%. Das klinisch isolierte Syndrom (CIS) kann ein Frühzeichen der Multiplen Sklerose (MS) sein, jedoch auch ein Leben lang folgenlos ausheilen. Gerade für die Sekundärprophylaxe ist es wichtig zu wissen, ob sich wahrscheinlich eine MS entwickelt, jedoch ist die Datenlage bei Kindern schwach. Insbesondere aufgrund der ungeklärten Medikamentensicherheit bei Kindern ist eine sichere frühzeitige Diagnose von Interesse. Neben der prognostisch etablierten MRT-Bildgebung [1], sind deswegen weitere prognostische Marker notwendig [2].

Fragestellung: Besitzen neben dem MRT auch Alter, OKB, Lateralität der ON und Geschlecht einen prognostischen Stellenwert für die Entwicklung einer MS?

Methode: In diese retrospektive Studie wurden 357 Kinder aus 27 Krankenhäusern aus dem Zeitraum 1990 bis 2012 eingeschlossen. Einschlusskriterien waren ein Alter unter 18 Jahren und das Auftreten einer ON als erstes demyelinisierendes Ereignis. Ausgeschlossen wurden Kinder mit einer follow-up Zeit unter zwei Jahren ohne Entwicklung einer MS. Von jedem Kind wurde ein cMRT angefertigt, sowie IgG OKB durch isoelektrische Fokussierung mittels Immunoblot bestimmt. Ein cMRT galt als auffällig, wenn mindestens eine MS kompatible Läsion <3mm außerhalb des N. opticus und Chiasma opticus auftrat. OKB wurden als positiv bewertet, wenn zwei oder mehr Liquorbanden nicht im Serum beobachtet wurden. Die Diagnose MS wurde gemäß den McDonald Kriterien von 2010 gestellt. Die Daten wurden univariat und mittels zwei multipler Regressionen untersucht.

Ergebnisse: Innerhalb von 4 Jahren entwickelten 40,6% der 357 Kinder mit ON eine MS. Bei 167 der 212 Kinder ohne MS wurde eine isolierte ON diagnostiziert, während 40 Kinder rezidivierende ON und 5 Kinder eine Neuromyelitis Optica im Verlauf entwickelten. Sowohl cMRT (HR 5,94) als auch OKB (HR 3,69) konnten die Entwicklung einer MS einzeln vorhersagen. Die Vorhersagekraft bei gleichzeitigem Auftreten von OKB und auffälligem cMRT war stärker als die einzelnen Größen (HR 28,91). Unter Kindern ohne MS waren nur bei 4,2% sowohl cMRT als auch OCB positiv, bei Kindern mit MS 73,8%. OKB und cMRT waren stark korreliert (Tetrachorisches rho = 0.765). Eine hohe Sensitivität und Spezifität für die Entwicklung einer MS innerhalb der nächsten 2 Jahre konnte sowohl für das cMRT (AUC = 0,89) als auch für die OKB (AUC = 0,865) mit einem kumulativen Effekt nachgewiesen werden (AUC = 0,924). Sensitivität und Spezifität stiegen nach bis zum 4. Jahr Follow-Up nicht weiter an (AUC = 0,930, CI = 0,901-959). Das Alter konnte als schwacher eigenständiger Risikofaktor erruiert werden (HR 1,08), während weder Geschlecht, noch Lateralität einen Einfluss auf die Entwicklung einer MS zeigten.

Fazit: Die Rolle des cMRT konnte als starker eigenständiger Prädiktor und das Alter der Diagnosestellung der ON als schwächerer eigenständiger Prädiktor bestätigt werden. OKB erhöhten den positiven prädiktiven Wert im Zusammenspiel mit dem cMRT. Die Untersuchung des Liquors hat daher nicht nur einen differentialdiagnostischen Stellenwert zum Ausschluss infektiöser Erkrankungen, sondern hat prognostischen Nutzen für die Entwicklung einer MS selbst, wie es auch bei Erwachsenen bereits festgestellt wurde [3,4] und sollte zur Routinediagnostik eingeführt werden.

Kommentar des Autors: Optikusneuritis ist eine bei Kindern sehr seltene Erkrankung und wird wahrscheinlich den Neuropädiatern an großen Zentren vorbehalten sein. Dennoch ist die Optikusneuritis in Standardlehrbüchern das Erstsymptom der MS schlechthin. Eine große Langzeitfolge, neben dem physischen Schaden am Optikusnerven, ist das Warten der Betroffenen auf weitere Symptome. Ein Test mit hohem positivem und negativem prädiktivem Wert wäre für den Patienten daher eine Entlastung. Weitere Studien helfen vielleicht, die Zeit der Unklarheit zu verkürzen und eine frühzeitige Therapie möglich zu machen, um die Frequenz und Amplitude der Schübe zu verringern.


Literatur:

[1] Waldman AT, Stull LB, Galetta SL, et al. Pediatric optic neuritis and risk of multiple sclerosis: meta-analysis of observational studies. J AAPOS 2011;15:441–446.
[2] Heussinger N, Kontopantelis E, Rompel O, et al. Predicting multiple sclerosis following isolated optic neur itis in children. Eur J Neurol 2013;20:1292–1296.
[3] Tintore M, Rovira A, Rio J, et al. Do oligoclonal bands add information to MRI in first attacks of multiple sclerosis? Neurology 2008;70:1079–1083.
[4] Brettschneider J, Tumani H, Kiechle U, et al. IgG antibodies against measles, rubella, and varicella zoster virus predict conversion to multiple sclerosis in clinically isolated syndrome. PLoS One 2009;4:e7638.


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