Kivimäki M, Jokela M, Nyberg ST et al. Long working hours and risk of coronary heart disease and stroke: a systematic review and meta-analysis of published and unpublished data for 603,838 individuals. Lancet 2015;386(10005):1739-46. doi: 10.1016/S0140-6736(15)60295-1

M. Czunczeleit, Ärztin in Weiterbildung, Diakonieklinikum Rotenburg (Wümme)


Hintergrund:
Überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten sind, gerade unter Menschen mit hohem sozio-ökonomischen Status, u.a. auch Ärzten, weit verbreitet. Ein gesundheitliches Risiko hierdurch wurde bisher nur selten thematisiert. Im Gegenteil: Bisher war eher der Zusammenhang zwischen niedrigem sozio-ökonomischen Status und erhöhtem kardio-vask. Risiko Ziel von Interventionen. Bisherige Studien haben sich hauptsächlich dem Zusammenhang zwischen Koronarer Herzerkrankung und überdurchschnittlich langen Arbeitszeiten gewidmet. Zu einem Zusammenhang zwischen Schlaganfällen und langen Arbeitszeiten gibt es nur sehr wenige Aussagen.

Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen überdurchschnittlich langen Arbeitszeiten und der Inzidenz einer Koronaren Herzerkrankung?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen überdurchschnittlich langen Arbeitszeiten und der Inzidenz von Schlaganfällen?
Gibt es eine Dosis-Wirkungs-Beziehung?

Methodik: Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um einen systematischen Review von Daten aus Pubmed und Embase sowie eine Meta-Analyse von unpublizierten Daten aus 13 europäischen prospektiven Kohortenstudien aus dem IPD-Work (Individual-Participant-Data Meta-analysis in Working Populations) Consortium sowie ebenso unveröffentlichte Daten aus 7 Kohortenstudien aus dem Inter-University-Consortium for Political and Social Research sowie dem UK Data Service (beides open-access- Datenbanken). Insgesamt wurden 25 Studien von 24 Kohorten aus Europa, den USA und Australien eingeschlossen. Als Einflussfaktoren wurden bei allen Studien Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status eingerechnet; bei den unpublizierten Studien zusätzlich Nikotin- und Alkoholkonsum, BMI, körperliche Aktivität, Blutdruck, Diabetes mellitus und Hypercholesterinämie.
Als überdurchschnittlich lange Arbeitszeit wurde, je nach Studie eine Arbeitszeit >=45 h/Wo bzw. >= 55h/Wo definiert. Eine Unterteilung in Subgruppen (41-48 h/Wo, 49-54 h/Wo und >=55 h/Wo) war nur bei den Daten der nicht publizierten Studien möglich. Als normale Arbeitszeiten wurden 35-40 Wochenstunden angegeben.

Ergebnisse: Zu Beginn der Studien waren alle Teilnehmer bezüglich der untersuchten kardio-vaskulären Ereignisse gesund.
Im KHK-Arm erlitten 4768 von 603 383 Personen (m und w) währen der durchschnittlichen Beobachtungszeit von 8,5 Jahren ein akutes kardiales Ereignis. Dies entspricht einer moderaten Risikoerhöhung durch überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten im Vergleich zu normalen Arbeitszeiten (Relatives Risiko (RR) 1,13; 95%-Konfidenzintervall 1,02-1,26).
Im Schlaganfall-Arm nahmen 528 908 Personen teil, von denen in der Beobachtungszeit von durchschnittlich 7,2 Jahren 1722 ein Ereignis erlitten (RR 1,33; 95%-Konfidenzintervall 1,11-1,61).
Es fand sich keine Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen Arbeitszeit und Myokardinfarkt jedoch zeigte sich ein klarer linearer Zusammenhang zwischen Länge der (überdurchschnittlichen) Arbeitszeit und Schlaganfallrisiko. Pro Kategorie steigt das RR um 1,11, d.h. für 41-48 h/Wo beträgt das RR 1,1, für 49-54 h/Wo 1,27 und für 55 h/Wo und mehr besteht ein RR von 1,33 verglichen mit normaler Arbeitszeit.

Limitationen: Diese Meta-Analyse ist eine aussagekräftige Zusammenfassung verschiedener veröffentlichter und unveröffentlichter Daten mit großer Kohortenzahl.
Die Ergebnisse haben jedoch einige Einschränkungen:
In den verschiedenen Studien fanden sich unterschiedliche Definitionen überdurchschnittlich langer Arbeitszeiten.
Nur die nicht publizierten Studien gaben Auskunft über die genaue Länge der Arbeitszeit im Zusammenhang mit der Anzahl der Ereignisse.
Es fanden sich unterschiedliche Definitionen der Ereignisse (in je einer publizierten Studie z.B. nur ischämischer Herztod bzw. tödlicher Schlaganfall).
Drei IPD-Work-Studien, in denen in der exponierten Gruppe keine cerebrovaskulären Ereignisse auftraten, wurden ausgeschlossen.
In den Studien von open-access-Datenbanken bezogen sich die Angaben zu den vaskulären Ereignissen sowie den Arbeitszeiten auf (nicht professionelle) Selbstberichte.
Zusätzlich konnten wichtigen Einflussgrößen, wie z.B. Nikotin- oder Alkoholkonsum, BMI, körperliche Aktivität, arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie sowie Diabetes mellitus nicht in allen Studien mit einbezogen werden.
In zwei Studien gab es eine große Anzahl von Studienabbrechern.

Fazit: Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen überdurchschnittlich langen Arbeitszeiten und dem Auftreten kardio-vaskulärer Ereignisse, v.a. von Schlaganfällen. Für letztere besteht ein Dosis-Wirkungszusammenhang.
Die Ursachen für diesen Zusammenhang sind wahrscheinlich ein mit langen Arbeitszeiten einhergehendes dauerhaft erhöhtes Stressniveau sowie häufig verringerte Aufmerksamkeit bezüglich der Warnsymptome und eine damit einhergehende verspätete Diagnostik. Zusätzlich spielen sehr wahrscheinlich gesundheits-schädigende Verhaltensweisen, wie verringerte körperliche Aktivität und riskanter Alkoholkonsum, welche mit langen Arbeitszeiten in Zusammenhang gebrachte werden, eine Rolle, welche nicht aus allen Studien herausgerechnet werden konnten.
Die Studienautoren ziehen aus den Ergebnissen das Fazit, dass den kardio-vaskulären Risikofaktoren und deren Behandlung bei Menschen mit überdurchschnittlichen Arbeitszeiten eine höhere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Kommentar des Autors: Trotz dieser alarmierenden Ergebnisse geht der Trend der Arbeitswelt weiter zu Effizienz- und Effektivitätssteigerung, Arbeitsverdichtung sowie daraus resultierendem Personalabbau. Dies führt nicht selten zu einer höheren Arbeitsbelastung für den Einzelnen sowie einer Häufung von Überstunden.
Diese Studie zeigt anschaulich, dass dieser Trend ein großes Risiko darstellt.
Folgen sind nicht nur die Belastung für den Einzelnen durch die Erkrankung sondern auch die finanziellen  Belastungen des Gesundheitssystems, beispielsweise durch Behinderung nach Schlaganfällen.
Vor diesem Hintergrund ist alarmierend, dass in dem vor Kurzem veröffentlichten Marburger Bund-Monitor (bundesweite Online-Umfrage im Auftrag des Marburger-Bundes vom 04.09.-04.10.2015 unter 3.895 angestellten Ärztinnen und Ärzten aus allen Krankenhausträgergruppen) berichtet wurde, dass mehr als 2/3 der Befragten durchschnittlich deutlich über 48 h/Woche arbeiten (46% 49-59 h/Wo, 21% 60-79 h/Wo, 3% mehr als 80h/Wo). Im Gegensatz dazu wünschen jedoch ca. 90% eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit unter 48 Stunden.
Fazit sollte also nicht nur sein, die kardio-vaskulären Risiken der Hochleistungsarbeiter zu verringern, sondern direkt an der Ursache anzusetzen und den Teufelskreis der Effizienzsteigerung zu durchbrechen. Nur Reduktion der Arbeitszeit und –belastung auf ein normalverträgliches Maß kann zur Stressreduktion und Verbesserung der Work-Life-Balance führen und damit automatisch zu einem weniger gesundheitsschädlichen Verhalten. Unternehmen sollten in Anbetracht dieser Ergebnisse umdenken, um gerade die leistungsstarken und –bereiten Mitarbeiter langfristig gesund und arbeitsfähig zu halten.


Weiterführende Links:

http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736%2815%2960295-1.pdf
http://www.marburger-bund.de/sites/default/files/artikel/downloads/2015/klinikaerzte-klagen-ueber-hohen-zeitdruck-und-gesundheitliche-beeintraechtigungen/mb-monitor-2015-zusammenfassung-pk.pdf

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