Plazzi G, Fabbri C, Pizza F., Serretti A.Schizophrenia-Like Symptoms in Narcolepsy Type 1: Shared and Distinctive Clinical Characteristics.Neuropsychobiology 2015;71:218-224

Darstellung von M. Jaedtke


Hintergrund:
Halluzinationen treten sowohl bei  Schizophrenie als auch bei Narkolepsie auf. Die Schizophrenie ist eine psychiatrische Erkrankung, die weltweit mit einer Prävalenz zwischen 500–1600 pro 100000 verbreitet ist (Behandlungsleitlinie der Schizophrenie, 2006). Ätiologisch wird ihr das Vulnerabilitäts-Stress-Modell zugrunde gelegt, das sowohl genetische als auch soziale Faktoren berücksichtigt. Mesolimbische und frontale Veränderungen werden neuroanamtomisch beschrieben. Da häufig junge Erwachsene an der Schizophrenie erkranken, ist eine gute Diagnostik und Behandlung auf Grund des langen Verlaufs von entscheidender Bedeutung. Lediglich bei 20% der Betroffenen gelingt eine komplette Wiederherstellung der psychischen Gesundheit. Klinische Symptome der Schizophrenie sind auf vielen Ebenen anzutreffen, so kommt es zu Veränderungen des Denkens und Fühlens, der Wahrnehmung und des Affekts (Behandlungsleitlinie der Schizophrenie, 2006).
Die Narkolepsie ist eine Erkrankung der Schlaf-Wachrhythmus, bei der es neben hoher Tagesschläfrigkeit, Kataplexie und Schlaflähmungen zu einem fraktionieren Nachtschlaf und hypnagogen Halluzinationen kommen kann. Ätiologisch werden mehrere Gene sowie Umweltmodifikationen vermutet. Die Prävalenz wird von Hublin mit 26–50/100000 angegeben (Hublin et al. 1994). Die Lebensqualität ist bei der lebenslangen Erkrankung ebenfalls reduziert (Leitlinie der Narkolepsie, 2012).

Die hier vorgestellte Studie vermutet, dass etliche Patienten mit einer Narkolepsie auf Grund des von ihnen präsentierten klinischen Bildes fehlerhaft als schizophrene Patienten behandelt werden und hierdurch nicht nur einen Verlust an Lebensqualität erleiden, sondern auch durch Nebenwirkungen der Neuroleptika belastet sein könnten. Psychotische Symptome, die bei Patienten mit Narkolepsie des Typs 1 (NT1) auftreten können, wurden als etwaige Faktoren für eine verspätete Diagnose der Narkolepsie bzw. als Gründe für eine fehlerhaft gestellte Diagnose einer Schizophrenie postuliert. Halluzinationen bei Narkolepsie sind häufig (50%). Zu unterscheiden sind hypnopompe Halluzinationen nach dem Aufwachen oder hypnagoge Halluzinationen beim Einschlafen. Die Komorbidität zwischen Narkolepsie und Schizophrenie ist gemäß der Autoren des Papers hoch: zwischen 5–13%. Da die Patienten mit einer Narkolepsie sich häufig nicht an die Halluzinationen erinnern können, werde diese meist mit dissoziativen Phänomenen oder aber einem desorganisierten Typ der Schizophrenie verwechselt.

Psychische Faktoren wie depressive Stimmungslage und Ängste können bei beiden Erkrankungen vorkommen und sind lebensqualitätsverschlechternd.
Eine Überschneidung ätiologischer Faktoren im Bereich des Immunsystems wird für beide Erkrankungen im Sinne einer Dysregulation berichtet.

Fragestellung: Die vorliegende Studie untersuchte, in wie weit unterschiedliche klinische Charakteristika zwischen NT 1 und Schizophrenie vorliegen. Hierbei wurden vornehmlich die psychotischen Symptome in den Mittelpunkt der Untersuchung gestellt. Hierdurch soll die Identifikation von Patienten mit Narkolepsie und psychose-ähnlichen Symptome erleichtert werden.

Methode: Es handelt sich um eine Querschnittsstudie. Die Autoren schlossen 28 Patienten mit Narkolepsie (ambulante Patienten) sowie 21 Patienten mit einer Schizophrenie (stationäre Patienten) ein. Der primäre Endpunkt der Studie war der Vergleich des Spektrums von psychischen Veränderungen in Bezug auf Halluzinationen und anderen psychotischen Symptomen zwischen beiden Patientengruppen. Im Weiteren wurde das Auftreten von dissoziativen Erlebnissen, depressiven und ängstlichen Symptomen (sekundäre Endpunkte) verglichen.  Neben ausführlichen anamnestischen Angaben erfolgte die Quantifizierung der beschriebenen Symptome mittels verschiedener psychiatrischer Skalen (PANSS, Hamilton Rating Scale for Depression, State-Trait Anxiety Inventory).

Ergebnisse: Patienten mit Narkolepsie zeigten eine höhte Rate von somatischen Komorbitäten, insbesondere einen höheren BMI, sowie eine signifikant längere Erkrankungsdauer (p=0,003) als Patienten mit Schizophrenie. Die Gesamtrate an Halluzinationen war zwischen beiden Patientengruppen nicht unterschiedlich (p=0,267). Nach Bonferoni-Korrektur für multiples Testen zeigte sich bei Patienten mit einer Schizophrenie ein vermehrtes Auftreten von unimodalen Halluzinationen, während bei Narkolepsie vor allem hypnagoge und hypnopompe Halluzinationen auftraten (p<0,001). Weiterhin zeigten Patienten mit Schizophrenie signifikant erhöhte PANSS-Summenwerte sowie eine erhöhte Krankheitseinsicht (p<0,001). Diese Unterschiede bestätigten sich auch in der multivariaten logistischen Regressionsanalyse. In einer ROC-Analyse zeigte ein PANSS-Summenwert von 57.5 oder höher einen positiven prädiktiven Wert (PPW) von 96% sowie einen negativen prädiktiven Wert (NPW) von 95% für das Auftreten einer Schizophrenie. Durch die Kombination von Abwesenheit von hypnagogen und hynopompen Halluzination, das Vorhandensein von unimodalen Halluzinationen und einem PANSS-Summenwert >57.5 ergab sich ein PPW von 100% sowie ein NPW von 80%. Bezüglich der sekundären Endpunkte konnte kein signifikanter Unterschied im Auftreten von dissoziativen oder ängstlichen Symptomen nachgewiesen werden. Es traten jedoch vermehrt Suizidgedanken bei Narkolepsiepatienten auf (p=0,03).

Diskussion: Grundsätzlich halten die Autoren fest, dass sich die Lebenszeitprävalenz von Halluzinationen bei Schizophrenie und Narkolepsie sich nicht signifikant unterscheidet. Die Pathogenese der Halluzinationen bei Narkolepsie wird als ein dissoziiertes REM Schlaf Phänomen in Zusammenhang mit Schlaflähmungen bewertet. Dies sei vergleichbar mit traumähnlichen Aktivitäten. Das Ausmaß der dissoziativen und ängstlichen Symptome zwischen beiden Krankheitsentitäten sei laut Autoren vergleichbar.  Narkolepsie war gegenüber der Normalpopulation mit einem höheren Risiko für depressiv- ängstliche Symptome insbesondere für Major Depression (MD) und für die Generalisierte Angststörung (GAD) verbunden. Als mögliche Ursachen diskutieren die Autoren der Studie einerseits die Einschränkungen durch die chronische Erkrankung, andererseits ein Hypocretin- Defizit. Die erhöhte Krankheitslast im Bereich der MD und der GAD mögen auch für die erhöhte Suizidalität bei Narkolepsie-Patienten ursächlich sein. Einige Fallberichte diskutieren jedoch auch den Zusammenhang zwischen Suizidalität und GHB, welches zur Behandlung der Narkolepsie eingesetzt wurde- dies konnte jedoch in der vorliegenden Studie nicht repliziert werden.
Die Limitation der Studie ist eine  kleine Stichprobengröße, wobei laut Autoren die existieren ähnlichen Studien vergleichbare Populationsgrößen aufweisen.  Weiterhin wurden die Schizophrenie-Patienten während einer akuten Erkrankungsphase evaluiert, so dass die Autoren empfehlen, prospektiv eher Patienten in der Remission zu untersuchen.

Fazit: Die Studie vergleicht als erste die psychiatrischen Symptome von Schizophrenie und Narkolepsie. Die Autoren empfehlen weitere Untersuchungen bezüglich gemeinsamer Symptome, wobei auch die klinischen Aspekte und die pathophysiologische Seite verstärkt in den Fokus gelangen sollte, um prospektiv diagnostische und therapeutische Herangehensweisen zu optimieren.

 

Zitierte Literatur:

Behandlungsleitlinie der Schizophrenie (2006)
(abgerufen am 21.03.2016)

Leitlinie der Narkolepsie (2012)
(abgerufen am 21.03.2016)

Hublin C, Partinen M, Kaprio J et al. Epidemiology of narcolepsy. Sleep 1994b; 17: S7–S12

Weiterführende Links:

https://www.karger.com/Article/Abstract/432400

Auch interessant zum Thema Halluzinationen:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC257791/
(abgerufen am 21.03.2016)


http://bmcpsychiatry.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-244X-12-37
(abgerufen am 21.03.2016)

Interdisziplinär:

http://d-nb.info/1026527139/34
(abgerufen am 21.03.2016)

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