Tang V, Poon WS, Kwan P. Mindfulness-based therapy for drug-resistant epilepsy: An assessor-blinded randomized trial. Neurology 2015 Sep 29; 85(13): 1100-7.

Darstellung von Dr. med. Rosa Michaelis, Klinik für Psychiatrie, St. Marienhospital Hamm

Fragestellung: Wie wirksam ist Achtsamkeits-basierte Therapie im Vergleich zu einem supportiven Therapieverfahren bei Menschen mit pharmakoresistenter Epilepsie im Hinblick auf Lebensqualität, psychiatrische Komorbidität und Anfallskontrolle?

Hintergrund: Sowohl in tierexperimentellen Studien als auch in Untersuchungen bei Menschen mit Epilepsie hat sich der Verdacht auf eine bidirektionale Beziehung zwischen psychiatrischen Erkrankungen und Epilepsie erhärtet (1). Das bedeutet, dass das Risiko, an einer Epilepsie zu erkranken, bei Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöht ist und diese Risikoerhöhung für den umgekehrten Fall ebenso zutrifft. Diese Erkenntnisse haben das Interesse an der Erforschung psychologischer Interventionen zur Behandlung von Menschen mit Epilepsie erhöht (2). In vorherigen Studien hat sich eine Achtsamkeits- basierte Intervention als wirksam zur Steigerung der Lebensqualität und zur Anfallskontrolle erwiesen. Das zentrale therapeutische Element Achtsamkeits-basierter Verfahren ist die Übung einer kontrollierten Aufmerksamkeitslenkung auf gegenwärtige (innere oder äußere) Stimuli mit einer akzeptierenden Haltung.

Patienten und Methodik: Es erfolgte ein Assessor-verblindeter, randomisiert kontrollierter Vergleich einer Achtsamkeits-basierter Gruppentherapie (n = 30) mit einem supportiven Gruppentherapieverfahren (n = 30) bei Erwachsenen mit einer nach Kriterien der Internationalen Liga gegen Epilepsie pharmakoresistenten Epilepsie im Hinblick auf Lebensqualität, psychiatrische Komorbidität und Anfallskontrolle. Laut Definition der ILAE ist eine Epilepsie dann pharmakoresistent, wenn es auch nach zwei adäquat eingesetzten (d.h. zur Behandlung der Epilepsie empfohlenen und ausdosierten) antikonvulsiven Medikamenten weiterhin zu Anfällen kommt (3). Outcome Parameter (Epilepsie-spezifischer Lebensqualitätsfragebogen [Patient-Weighted Quality of Life Inventory on Epilepsy – 31], Angstsymptome [Beck Anxiety Inventory], Depressive Beschwerden [Beck Depression Inventory], Anfallsfrequenz) wurden 6 Wochen vor und nach der Intervention erhoben. Menschen mit psychogenen nicht-epileptischen Anfällen wurden von der Untersuchung ausgeschlossen. Die Studie wurde in der neurologischen Ambulanz des Prince of Wales Hospital, dem Lehrkrankenhaus der Chinesischen Universität in Hong Kong, durchgeführt. Beide Interventionen fanden mit vier 2,5-stündigen Sitzungen innerhalb von zwei Monaten im Gruppensetting statt (7-8 Patienten/Gruppe), die von der gleichen klinischen Psychologin (VT) durchgeführt wurden. Alle Teilnehmer erhielten ein identisches edukatives Modul, das u.a. die Bedeutung von medikamentöser Adhärenz und Lebensstilfaktoren (z.B. regelmäßigem Schlaf) für eine günstige Beeinflussung der Prognose betonte.  Das Achtsamkeits-Modul war basierend auf verschiedenen Achtsamkeits-basierten Programmen für Menschen mit chronischen Erkrankungen entwickelt worden. Die therapeutischen Komponenten enthielten Achtsamkeits-Übungen (z.B. Body Scan) und Übungen zur Förderung von Akzeptanz und Coping (d.h. aktiver Bewältigung) von Anfalls-assoziierten Störungen (unangenehmen Auraphänomenen und postiktalen physische und psychologische Reaktionen). Die supportive Gruppe enthielt keine direktive Intervention sondern sollte lediglich die Möglichkeit zum Austausch von Erfahrungen mit der Erkrankungen und Selbsthilfe-Strategien zwischen den Gruppenteilnehmern schaffen.

Ergebnisse: Nach der Intervention hatte sich der Gesamtscore des Epilepsie-spezifischen Lebensqualitätsfragebogen in beiden Gruppen verbessert: Um 6,23 Punkte (95% CI 4,22 bis 10,40) in der Achtsamkeits-basierten Gruppe und 3,30 (95% CI 1,03 bis 5,58) in der supportiven Gruppe. Dabei gab es in der in der Achtsamkeits-basierten Gruppe signifikant mehr Patienten (11 vs. 4 Patienten) mit einer klinisch bedeutsamen Verbesserung des Gesamtscores (11,8 Punkte). Die Number need-to treat (NNT) betrug in der Achtsamkeits-basierten Gruppe 4,29 (95% CI 2.25 bis 44.83), was mit einer absoluten Risikoreduktion von 23,3 % (95% CI 2 bis 44) einherging. Zudem konnte im Vergleich mit der supportiven Gruppe nur bei den Teilnehmern an der Achtsamkeits-basierten Therapie eine statistisch signifikante und klinisch bedeutsame Reduktion der Angstsymptome beobachtet werden. Die Veränderungen der depressiven Beschwerden waren in beiden Gruppen statistisch signifikant ohne klinisch bedeutsam zu sein. In beiden Gruppen fand sich eine statistisch signifikante Verbesserung der Anfallsfrequenz ohne Gruppenunterschied.

Schlussfolgerung: Kurzzeittherapie scheint für Menschen mit pharmakoresistenter Epilepsie wirksam zu sein. Achtsamkeits-basierte Therapie war dabei wirksamer als soziale Unterstützung in Bezug auf Lebensqualität, psychiatrische Komorbidität und Anfallsfrequenz.

Kommentar: Die dargestellten Forschungsbestrebungen finden vor dem Hintergrund statt, dass trotz der fortschreitenden Entwicklung moderner antikonvulsiver Medikamente nach wie vor ein Drittel aller Epilepsiepatienten weltweit unter pharmakoresistenten Anfällen leiden. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass diese Menschen durch den Einsatz weiterer antikonvulsiver Medikamente anfallsfrei werden, ist gering (4). Nur bei einem Teil dieser Patienten mit bestimmten fokalen Formen der Epilepsie kommen Epilepsie-chirurgische Verfahren infrage. Interessant ist auch, dass die Lebensqualität von Menschen mit einer Epilepsie weniger durch medizinische Parameter wie die Anfallsfrequenz und Medikamentennebenwirkungen, sondern vielmehr durch komplexe psychologische Parameter (Angst vor Anfällen, Gefühl es Kontrollverlusts, Einsamkeit) beeinträchtigt wird, die in der medizinischen Standardbehandlung aufgrund mangelnder Ressourcen (Zeit, geschultes Personal) meist nur wenig Beachtung finden können. Die Ergebnisse dieser Studie stimmen hinsichtlich der Lebensqualität mit einem systematischen Review (2). Bezüglich der Wirkmechanismen Epilepsie-spezifischer psychologischer Interventionen wird spekuliert, dass diese u.a. durch einen proaktiven Umgang mit möglichen Anfallsauslösern Auraphänomenen zur Steigerung der Selbstwirksamkeitsüberzeugung und so zu einer Senkung psychiatrischer Komorbidität und Anfallsfrequenz beitragen (2).  Der adjuvante Einsatz von psychologischen Interventionen für Menschen mit einer Epilepsie scheint somit im Hinblick auf eine Steigerung der Lebensqualität einen zusätzlichen Nutzen zu erbringen, was im Rahmen umfassender Therapieangebote (“Comprehensive Care“) berücksichtigt werden könnte. 

 

Referenzen:

(1) Hesdorffer DC, Hauser WA, Olafsson E, Ludvigsson P, Kjartansson O. Depression and suicide attempt as risk factors for incident unprovoked seizures. Ann Neurol 2006;59:35–41.
(2) Tang V, Michaelis R, Kwan P. Psychobehavioral therapy for epilepsy. Epilepsy Behav 2014;32:147–155.
(3) Kwan P, Arzimanoglou A, Berg AT, Brodie MJ, Allen Hauser W, Mathern G, Moshé SL, Perucca E, Wiebe S, French J. Definition of drug resistant epilepsy: consensus proposal by the ad hoc Task Force of the ILAE Commission on Therapeutic Strategies. Epilepsia. 2010 Jun;51(6):1069-77
(4) Kwan P, Brodie MJ. Early identification of refractory epilepsy. New England Journal of Medicine 2000;342:314-9

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