Originaltitel: Magnetic Oculomotor Prosthetics for Acquired Nystagmus (Nachev et al. Ophthalmology 2017)

Darstellung von Anna Bonkhoff

Hintergrund: In der ausgewählten Fallstudie wurde über den neuartigen, experimentellen Einsatz implantierbarer Magneten bei Up-Beat-Nystagmus berichtet. Dieser Nystagmus hatte sich bei einem 49-jährigen Patienten im Rahmen eines paraneoplastischen zerebellären Syndroms bei Hodgkin Lymphom (zum Zeitpunkt der Nystagmustherapie in Remission) entwickelt und sich - wie häufig beobachtet wird - gegenüber verschiedener Pharmakotherapien resistent gezeigt. Während einem Nystagmus sehr heterogene neuronale Ursachen zu Grunde liegen und somit unterschiedliche Abschnitte der okulomotorischen Kontrolle gestört sein können, ist ein Therapieansatz, der die Augenmuskelbewegungen am physikalischen Entstehungsort beeinflusst, übergreifend denkbar.

Fragestellung: Können implantierbare Magneten eine effektive Therapieoption bei einem pharmakoresistenten, erworbenen Nystagmus darstellen?

Methodik: Die direkte chirurgische Fixation von Augenmuskeln könnte zwar etwaige Zuckungen unterbinden, würde jedoch auch intendierte Sakkaden verhindern. Daher wurde basierend auf Skizzen eines brasilianischen Ophthalmologen eine zweiteilige, Titan-ummantelte, magnetische Okulomotorprothese von einem interdisziplinären Team entworfen. Die gewählte Magnetstärke sollte ausreichend hoch sein, um unwillkürliche Augenbewegungen möglichst maximal zu dämpfen, ohne dabei willkürliche zu beeinflussen.
Der Hauptkomponente des Nystagmus entsprechend, wurde der erste Teil der Prothese unterhalb des Musculus rectus inferior angenäht, der zweite in entsprechender Lage auf dem Orbitaboden. Zwischen diesen beiden Anteilen wurde die Tenonkapsel belassen, vor allem, um durch die polsternde Trennung einer späteren Fibrosierung entgegen zu wirken.
Vor und nach der Intervention wurden Sehschärfe, sowie Amplitude, Geschwindigkeit, Frequenz und Intensität des Nystagmus regelmäßig überprüft. Das vorliegende Paper fasst die Ergebnisse vier Jahre nach der Intervention zusammen.

Ergebnisse: Der Patient berichtete von einer klinisch signifikanten Symptombesserung, die subjektiv zu einer wesentlichen Zunahme seiner Lebensqualität führte und ihm sogar die Aufnahme einer bezahlten Arbeit ermöglichte. Objektiv konnte eine nachhaltige Reduktion des Nystagmus einhergehend mit einer Verbesserung der Sehschärfe verzeichnet werden. Auf beiden Augen konnten Amplitude, Geschwindigkeit und Intensität des Nystagmus, insbesondere beim Blick nach unten, signifikant verringert werden (p < .05 in 47 von 56 Vergleichsmessungen). Die Frequenz wurde hingegen nicht beeinflusst. Einschränkend wird erwähnt, dass sich eine auch vor der Intervention bestehende Diplopie durch den Eingriff verstärkte und mehrere Schieloperationen erforderte.

 abbildung oculomotor trace

Fazit: Die dargestellte experimentelle Prothesenimplantation erwies sich im Einzelfall als wirksam und könnte in Zukunft bei einem langanhaltenden, erworbenen, pharmakotherapieresistenten Nystagmus als Therapieoption in Erwägung gezogen werden. Limitationen sollten jedoch bedacht werden: Da die Prothesen eine absolute Kontraindikation für MRT-Untersuchungen darstellen, sollten Patienten mit Erkrankungen, die häufigen MR-Nachuntersuchungen bedürfen, ausgeschlossen werden. Außerdem hängt das Ausmaß der Dämpfung von der Augenposition ab, weshalb eine ausreichende Wirkung nur für Patienten mit Up-Beat-Nystagmus gegeben sein könnte. Letztlich kann es, wie im vorliegenden Fall, durch Veränderung der Funktion extraokulärer Muskeln zu einer Verstärkung von Doppelbildern kommen.

Kommentar des Autors: Natürlich rechtfertigt die Beobachtung des positiven Verlaufs eines einzigen Patienten keine allgemeingültigen Aussagen und es bleibt abzuwarten, ob diese neuartige Therapie bei weiteren Patienten mit Nystagmus erfolgreich zum Einsatz kommt. Trotz dieser Einschränkung erfolgte die Auswahl des Fallberichts aufgrund der folgenden Aspekte: Er zeigt auf, dass eine aufmerksame Beobachtung der weltweiten Entwicklungen und eine kreative Denkweise zu wirkungsvollen und für den einzelnen Patienten entscheidenden Therapieansätzen führen können. Weiterhin ist die erfolgreiche Entwicklung und Implantation der Prothesen der engen interdisziplinären Zusammenarbeit zu verdanken.
Letzten Endes heben die Autoren hervor, dass die Therapie trotz der Heterogenität der zugrunde liegenden Ursachen durch den Ansatz am eigentlichen Effektor – in diesem Fall den Augenmuskeln – erfolgreich verlaufen kann.

Literatur:

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