Neurologie-Botschafter Younes Tabi (c) DGN/Tedeskino

1. August 2017 – Der Student Younes Tabi, einer der 20 Botschafter der aktuellen DGN-Kampagne Wir sind Neurologie., erklärt im Interview seine Vision.

Als Neurologe will Tabi künftig dazu beitragen, Erkenntnisse neurowissenschaftlicher Forschung in die Klinik zu transferieren, um Patienten die bestmöglichen Therapien angedeihen zu lassen. Dafür studiert der 25-Jährige Medizin und Psychologie und wird ab Herbst 2017 nach Abschluss des Doppelstudiums im britischen Oxford zum Thema Alzheimer forschen und promovieren.

Herr Tabi, warum ist die Neurologie für Sie ein Traumjob?

Die Neurologie ist ein ganzheitliches Fach, das begeistert mich: Wissenschaft und Klinik können im Idealfall Hand in Hand arbeiten, um Erkenntnisse aus der Forschung schnellstmöglich in die Therapie zu überführen – zum Wohle des Patienten. Ganzheitlich ist die Neurologie auch wegen ihrer Interdisziplinarität. Um Erkenntnisse über Gehirn und Geist zu gewinnen, müssen Neurologen mit Kollegen zahlreicher benachbarter Disziplinen wie Psychologie, Biologie oder Soziologie kooperieren.

Sie studieren nicht nur Medizin, sondern auch Psychologie – warum?

Das Gehirn ist nicht nur ein Organ, sondern auch Sitz der Psyche. Es reicht nicht aus, sich ausschließlich mit den körperlichen Störungen des Nervensystems zu beschäftigen. Um den Menschen als Ganzes zu verstehen, müssen wir auch fragen, wie diese mit seelischen Erkrankungen wechselwirken. Die Schnittstelle zwischen Organ und Geist interessiert mich besonders, deshalb ist es aus meiner Sicht nur konsequent, Medizin und Psychologie zu studieren.

Im Herbst 2017 beenden Sie Ihr Doppelstudium und wollen dann in Oxford zum Thema Alzheimer-Demenz promovieren.

Ja, die Krankheit finde ich sehr spannend, weil sich die Alzheimer-Forschung nicht auf die Suche nach organischen Ursachen beschränkt, sondern sich auch der Frage widmet, wie die Krankheit Verhalten und Erleben der Betroffenen und soziologische Aspekte wie die Familiensituation beeinflusst. An diesen Schnittstellen werde ich während meiner Promotion in Oxford drei Jahre lang forschen.

Worum geht es bei diesem Forschungsprojekt?

In meinem PhD-Projekt werde ich den Einfluss von Alzheimer auf das Kurzzeitgedächtnis untersuchen. Der Großteil bisheriger Studien zum Thema Alzheimer konzentriert sich auf das episodische Langzeitgedächtnis. Neueste Studien zeigen jedoch, dass bei familiärer Alzheimer-Erkrankung im Kurzzeitgedächtnis auch die Verknüpfung einzelner Informationen untereinander gestört ist – sogar in einem präsymptomatischen Stadium. Wenn wir verstehen, welche funktionellen und strukturellen Änderungen Alzheimer im Kurzzeitgedächtnis hervorruft, haben wir langfristig die Möglichkeit, mithilfe von Verhaltenstests und funktioneller Bildgebung entscheidend früher zur Diagnosestellung zu gelangen, idealerweise im präsymptomatischen Stadium. Das würde ganz neue Wege für Prävention und Behandlung eröffnen.

Wo wollen Sie als Neurologe in zehn Jahren stehen?

Als Neurologe sehe ich mich in der Rolle des Übersetzers: Neurologen sollten in der Lage sein, Ergebnisse der Grundlagenforschung und der klinischen Forschung direkt dorthin zu „übersetzen“, wo sie gebraucht werden: zum Patienten in die Klinik. Gleichzeitig müssen sie sich mit den Vertretern anderer Disziplinen verständigen, um deren Forschung für die eigene Arbeit nutzen zu können. In neurowissenschaftlichen Forschungsprojekten, zum Beispiel dem „Human Brain Project“, arbeiten Neurologen, Biologen, Soziologen und Psychologen zusammen, sprechen aber oft nicht die gleiche wissenschaftliche Sprache. Ich würde künftig gerne daran mitarbeiten, unsere Disziplinen näher zusammenzubringen.

Dass angehende Neurologen einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren, ist immer noch nicht die Regel. Was hat Sie bewogen, außerhalb Deutschlands zu promovieren?

Ich denke, dass Auslandserfahrung eine ganz wichtige Rolle für den Beruf des Neurologen spielt, um später internationale und auch fächerübergreifende Forschungsnetzwerke knüpfen zu können. Solche Kooperationen sind unerlässlich, wenn wir es irgendwie schaffen wollen, der Datenmengen Herr zu werden, die wir über Gehirn und Geist sammeln: Verhaltensdaten, Daten aus Bildgebung, soziologische und psychologische Daten – eine Fachrichtung oder auch nur eine Nation allein kann diese Informationen nicht zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Die Neurologie hat den grandiosen Vorteil, dass sie grenzüberschreitend ist: Nicht nur, was Ländergrenzen angeht, sondern auch in den Köpfen. Neurologische Erkrankungen spielen überall auf der Welt eine Rolle. Um sie zu erforschen und zu therapieren, können wir gar nicht genug internationale Netzwerke bilden.

Auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten für Ihre Promotion in Oxford stießen Sie schnell auf Hindernisse …

Ja. Zum einen reagierten viele Stipendiengeber skeptisch auf mein Doppelstudium – das passt einfach nicht ins Schema. Zum anderen fördern viele Stiftungen medizinischen Nachwuchs nur innerhalb Deutschlands. Ich denke, das entspringt ein wenig der Angst, angehende Mediziner an ausländische Arbeitgeber zu verlieren. Das Problem hierzulande ist: Die Entscheidungsträger finden Nachwuchsförderung zwar ganz wichtig – aber niemand fragt künftige Spitzenforscher, was sie wirklich benötigen, um weiterzukommen.

Welche Fördermaßnahmen nützen künftigen Neurologen wirklich?

Das umfasst die finanzielle Unterstützung von aufwendigeren Auslandsaufenthalten ebenso wie die Aufstockung von kleineren, zweckgebundenen Stipendien: Nicht jeder Student besitzt die finanziellen Mittel, um ad hoc das neueste Statistikprogramm oder ein spezielles Fachbuch anschaffen zu können. Künftige Neurologen stehen außerdem vor dem Problem, dass Stipendiengeber medizinische Doktorarbeiten oft gar nicht fördern – vielleicht, weil sie deren wissenschaftlichen Wert angesichts der Flut medizinischer Doktorarbeiten als gering einschätzen. Ich verbringe derzeit viel Zeit mit der aufwendigen Suche nach Fördermöglichkeiten. Wie viel sinnvoller wäre es für alle Seiten, wenn ich diese Zeit in den Beginn des Forschungsprojekts und in Patienten investieren könnte!

Fühlen Sie sich als Nachwuchswissenschaftler bei der DGN gut aufgehoben?

Definitiv! In der DGN entscheiden die Vertreter der Jungen Neurologen mit über die Nachwuchsarbeit, und die Nachwuchsförderung ist in der DGN stets eine feste Größe. Die Sommerakademie und das Kongress-Stipendium sind meine persönlichen Highlights. Das Mentorenprogramm ist aber auch hochinteressant. Bei der DGN weiß man: Zukunft braucht Neurologen.

Interview: Monika Holthoff-Stenger

www.wir-sind-neurologie.de

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