Neurologie an der University of Oxford

12. Juni 2014 – Oscar Wilde, Stephen Hawking, J.R.R. Tolkien – die Liste der bekannten Absolventen der University of Oxford ist lang. Als eine der ältesten und renommiertesten Universitäten der Welt ist die Hemmschwelle für viele Studenten entsprechend hoch, sich dort zu bewerben. Horrende Studiengebühren spuken immer noch in den Köpfen vieler umher. Doch mithilfe des Elective-Programms ist ein Kurs im Rahmen einer Famulatur oder des praktischen Jahrs auch für Studenten anderer Universitäten möglich. Jährlich werden bis zu 50 Plätze an Medizinstudenten aus aller Welt vergeben, die Studiengebühr wird den Teilnehmnern dabei erlassen. Das einzige, was man tun muss, ist den Mut zusammenzunehmen und sich zu bewerben. Wie das geht und was man in einem vierwöchigen „Clinical Neurology and Neuroscience“-Block in den altehrwürigen Hallen Oxfords so alles lernt, erfahrt ihr hier.


Meinen weißen Kittel hatte ich Gott sei Dank daheim in Erlangen gelassen. Netterweise hatte mich die Koordinatorin des Elective-Programms, Carolyn Cook, darauf hingewiesen, dass in englischen Krankenhäuser der Dresscode etwas anders ist. Stoffhosen und knielange Röcke, dazu schöne Schuhe und Blusen oder Hemden – auf den ersten Blick erkennt man die Ärzte im John-Radcliffe-Hospital meist nur an ihrem Schild. Wer Turnschuhe oder Jeans trägt, kann das Seminar gleich wieder verlassen. Und Seminare gibt es viele während des vierwöchigen Neurokurses.

140612 AllSouls 200Grundsätzlich ist das Medizinstudium in Oxford aus verschiedenen Fächerblöcken aufgebaut. Neurologie haben die Studenten in ihrem vierten Jahr, in einem vierwöchigen Kursblock zusammen mit Augenheilkunde und HNO. Wenn man Zeit und Lust hat, kann man auch diese Seminare mitbesuchen. Der Schwerpunkt liegt aber auf Neurologie. Als ich an meinem ersten Tag in der Klinik ankam – das John-Radcliffe-Hospital ist ein wenig außerhalb der Stadt, aber gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zu erreichen –, wurde ich meiner Kursgruppe zugeteilt. Eine Gruppe besteht gerade mal aus vier Leuten, ganz im Gegensatz zu meiner Deutschen Uni. Im Fach Neurologie war ich die einzige Austauschstudentin und hatte so während den Vorlesungen und Kursen nur mit Oxford-Medizinstudenten zu tun. Ganz ehrlich, am Anfang hatte ich schon Angst, wie solche „echten Oxfordstudenten“ denn sind. Aber wir kochen alle nur mit Wasser und spätestens nach dem ersten gemeinsamen Pub-Abend oder einer der vielen Collegeparties (immer ein wenig Geld für Verkleidung einplanen, denn Motto-Parties stehen hier auf der Tagesordnung) war klar, dass das Studentenleben an einer Eliteuni nicht recht viel anders ist.

Neben dem Studentenleben, welches man in Oxford wirklich gut auskosten kann, denn die ganze Stadt ist im Prinzip eine Universität, sind die Kurse und Seminar eine einzigartige Erfahrung. Die Ausbildung ist viel praxisorientierter als ich es aus Deutschland kannte. Jeden morgen sind wir in unserer Vierergruppe mit unserem Dozent, jeweils ein Oberarzt aus der Neurologie und einer aus der Neurochirurgie, auf Lehrvisite gegangen. Da ist es nicht ungewöhnlich, dass man einfach den Reflexhammer in die Hand gedrückt bekommt und dann heißt es: Schauen Sie sich den Patienten an und sagen Sie mir, was er haben könnte. Überhaupt besteht ein großteil der Ausbildung aus Untersuchungstechniken, denn am Ende ihres Semesters müssen die englischen Studenten auch immer einen Praxistest ablegen.

140612 John Radcliffe Oxford 200Wer will, kann auch mit in die Spezialambulanzen, die wirklich landesweit einen hervorragenden Ruf besitzen. Ich war öfters in der Motoneuronsprechstunde, aber auch die MS-Sprechstunde oder Myopathiesprechstunde sind zu empfehlen. Neben dem festen Stundenplan, der neben den Kursen in Kleingruppen auch Vorleseungen enthält (auch hier ist man aber maximal zu 30st und wird aktiv zur Mitarbeit aufgefordert), kann man vieles frei wählen. Zeit im neurochirurgischen OP oder Konsiliardienste im Haus, sogar Besichtigungen von Arbeitsgruppen, es sind viele interessante Möglichkeiten, die man nutzen kann.

Und wenn nicht gerade etwas Fachliches auf dem Programm steht, gibt es vieles zu entdecken in der Stadt. Fast jedes Haus gehört zur Universität, als Austauschstudent bekommt man einen regulären Studentenausweis und kann damit auch jedes Gebäude betreten. Viele Colleges sind für die Öffentlichkeit nur schwer zugänglich, als Student kann man sich dort nach Herzenslust umsehen. Neben den bekannten Colleges wie dem Magdalen College, Christ Church, Trinity College und natürlich All Souls, sind auch viele der kleineren Colleges ein Besuch wert. Überhaupt sollte man, wenn man die Möglichkeit hat, sich für seine Zeit in Oxford auch eines der Colleges als Unterkunft aussuchen. Die Zimmer sind zwar meist sehr spartanisch, aber ausreichend eingerichtet, und vor allem das echte Collegeleben hautnah mitzuerleben, ist definitv eine Empfehlung wert. Ich war während meiner Zeit am Green Templeton College, eines der medizinerlastigen Colleges, welches aus den Gebäuden der früheren Sternwarte der Universität besteht. Auch innerhalb der Colleges werden noch einmal Kurse extra für die Studenten dort angeboten. Hier habe ich zum ersten Mal so richtig gelernt, wie man mit einem Opthalmoskop umzugehen hat. Und natürlich hat man so die Möglichkeit, an einem der bekannten College-Dinner teilzunehmen. Spätestens hier kommt das echte Oxford-Gefühl auf. Abendgaderobe ist Pflicht, wenn man sich zusammen mit anderen Studenten in der Vorhalle des Speisesaals trifft. Dann gibt es erst einmal Wein, bis schließlich die Gesellschaft gebeten wird, ihre Plätze einzunehmen. Zusammen mit den Rektoren des College wird ein lateinisches Tischgebet gesprochen, bevor dann gemeinsam zu Abend gegessen wird. Stilecht endet der Abend dann mit Tee im Salon.

140612 Bibliothek 200Wie bekommt man aber nun einen Platz im Elective-Programm? Zu allererst natürlich den Mut zusammen nehmen und sich bewerben. Mehr als keinen Platz bekommen kann nicht passieren. Was man dazu braucht, findet man alles auf der Internetseite des Elective-Programms. Wichtig ist, sich rechtzeitig darum zu kümmern, denn die Bewerbungsfrist endet über ein Jahr vor Beginn der nächsten Programmrunde. Ebenfalls ist es notwendig, dass man ausreichende Englischkenntnisse nachweisen kann, also am besten am Sprachenzentrum der Heimatuni einen Test wie den TOEFL oder IELTS ablegen (wer in der Schule Englisch gehabt hat, wird damit keine Probleme haben). Neben dem Bewerbungsformular, einem Lebenslauf und zwei Empfehlungsschreiben (einfach zwei Dozenten an der Uni fragen) ist auch ein aussagekräfitges Motivationsschreiben wichtig. Da die Plätze begrenzt sind, darf man sich für drei verschiedene Fächer bewerben. Die Liste der angebotenen Fächer gibt es auch auf der Internetseite. Natürlich sind das erst einmal viele Unterlagen, aber es lohnt sich auf jeden Fall.

Weitere Informationen zum Elective-Programm an der Oxford Medical School gibt es unter http://www.medsci.ox.ac.uk/study/medicine/electives/ 


Alina Bacher

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