PD Dr. med. Ingo Meister (c) evk Lippstadt

Während eurer Weiterbildung zum Facharzt für Neurologie müsst ihr auch ein Jahr in der Psychiatrie absolvieren. Der Neurologe Ingo Meister hat für uns seine Erfahrungen als Assistenzarzt in der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Uniklinik Köln aufgeschrieben.

 
„Insgesamt war es eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich habe auf einer offenen Station gearbeitet, allerdings waren Nacht- und Wochenenddienste, die auch die Betreuung von Patienten auf den geschützten Stationen umfassten, verpflichtend. So habe ich das gesamte Spektrum psychiatrischer Erkankungen im Akutbereich kennengelernt. Die beiden Fachgebiete Psychiatrie und Neurologie unterscheiden sich – trotz vieler Gemeinsamkeiten – doch grundlegend.

Während ihr z.B. in der Neurologie davon ausgehen könnt, dass die Patienten in der Regel bereit sind, eine medizinischen Empfehlung zu befolgen, ist die Compliance bei psychiatrischen Patienten nicht selbstverständlich. Denn diese werden nicht immer freiwillig dem Arzt vorgestellt, und teilweise fehlt ihnen auch die Einsicht in ihre Krankheit. Das ist eine große Herausforderung für euch als Ärzte. Patienten können zum Beispiel ausfallend werden oder sich sehr provokativ verhalten. Hier gilt es, sich ruhig zu verhalten, konsequent zu bleiben und natürlich das eigene Verhalten auf die Erkrankung und Situation des Patienten abzustimmen. Das bedeutet: Ihr solltet sehr viel Geduld und Empathie aufbringen, zum Beispiel bei depressiven Patienten, aber auch die Fähigkeit zur Abgrenzung, zum Beispiel bei Borderline-Patienten.

In der Psychiatrie eignet ihr euch viele Fähigkeiten an, die ihr auch in der Neurologie anwendet könnt. Das betrifft zum Beispiel Patienten mit Demenzen oder M. Parkinson, die ja durchaus auch psychiatrische Symptome entwickeln können. Während eures Psychiatrie-Jahres gewinnt ihr Sicherheit im Umgang mit solchen Patienten und lernt auch, eventuelle Gefährdungen einzuschätzen (etwa wenn ein Patient von seinem Besuch draußen nicht zum vereinbarten Zeitpunkt in die Klinik zurückkommt).

Vor eurem ersten Dienstbeginn solltet ihr generell darauf gefasst sein, dass euch Patienten emotional herausfordern werden – das kann manchmal an die Grenzen der eigenen Beherrschtheit gehen. Allerdings ist man mit jeder neuen Erfahrung wieder ein Stück weiter und bereichert sein Repertoire im Umgang mit Patienten.

Insgesamt bin ich aber der Meinung, dass zwölf Monate Weiterbildung in der Psychiatrie eine recht lange Zeit sind. Sechs Monate wären aus meiner Sicht ausreichend.“


Dr. med. Ingo Meister

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