Spacecurl in der Rehaklinik Bad Aibling (c) Rehaklinik Bad Aibling

1. Wodurch zeichnet sich die Rehabilitationsmedizin in der Neurologie aus?

Im Rehabilitationsbereich begleitet man den Patienten über einen größeren Zeitraum und lernt dadurch etwas über Krankheitsverläufe und deren längerfristige Behandlungsmöglichkeiten. Bei der Festlegung der Behandlungsziele spielen die zu erwartenden Lebensumstände nach dem stationären Aufenthalt von vornherein eine Rolle. Man befragt den Patienten beispielsweise nach der Ausstattung von Wohnung und Arbeitsplatz, ob es einen Aufzug im Haus gibt usw. Man erwirbt Kenntnisse über geeignete Hilfsmittel und insgesamt eine sozialmedizinische Kompetenz, die einem nach der Niederlassung in der eignen Praxis durchaus nützlich ist.

2. Warum haben Sie persönlich sich für eine Arbeit im rehabilitativen Bereich entschieden? Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?

Grundsätzlich war bei mir ein Interesse am menschlichen Gehirn vorhanden. So habe ich neben der Medizin auch noch ein Psychologie-Studium begonnen. Bereits zu meiner Zeit in Tübingen hat sich die stationäre Verweildauer der Patienten im Rahmen der Akutbehandlung immer weiter verkürzt, sodass man weniger Kontakt zum Patienten aufbauen konnte und nur noch kurzfristige Verläufe bzw. therapeutischen Erfolge erlebte.

Die Rehabilitation galt damals als wenig aufregendes Spezialgebiet. Durch die Verbesserung in der Notarzt-Versorgung, in der Intensivmedizin und in der Neurochirurgie überlebten aber immer mehr Patienten mit schwersten Hirnschädigungen und füllten die Intensivstationen. Es existierte kein wirkliches Konzept für die Weiterversorgung solcher Patienten.

Unter der Bezeichnung „Frührehabilitation“ wurden daraus zuerst in Bayern flächendeckend Konsequenzen gezogen, indem durch eine Initiative des bayerischen Landtags für jeden der sieben bayerischen Bezirke je eine Rehabilitationsklinik mit Intensivstation und Frührehabilitation gegründet wurde. Ich sah im Aufbau der Klinik in Bad Aibling (Bezirk Oberbayern) mit 250 Betten, Intensivstation, Frührehabilitation (gehört juristisch zur Krankenhausbehandlung und nicht zur Rehabilitation) und den Rehabilitationsphasen C und D eine große berufliche Chance.

Rehabilitative Behandlung hatte ich schon in Tübingen durch den glücklichen Umstand kennengelernt, dass die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik mit ihrer Querschnittstation direkt neben der Neurologischen Uniklinik lag und wir (als Oberärzte) sie konsiliarisch versorgten. Da war ich immer wieder beeindruckt davon, dass aus dem „Häuflein Elend“ bei der Aufnahmeuntersuchung nach Wochen oder auch Monaten ein selbstbewusster junger Mann im Rollstuhl geworden war, der Rollstuhl-Basketball spielte und sich ggf. auf seine berufliche Umschulung vorbereitete, obwohl sich die Querschnittslähmung in der Regel nur teilweise oder gar nicht bessern ließ.

3. Ist die Neurorehabilitation ein Wachstumsfach?

Die neurologische Rehabilitation hat sich in einer Weise entwickelt, wie es nicht vorhersehbar war. Wir behandeln häufig die Patienten, die keiner mehr haben will. Das sind längst nicht nur Patienten mit primär neurologischen Erkrankungen. Zuweisungen aus neurologischen und neurochirurgischen Klinken machen nur etwa die Hälfte aus. Die andere Hälfte der Patienten kommt aus anästhesiologischen, internistischen (besonders kardiologischen und infektiologischen) und chirurgischen (Intensiv-)Stationen. Die Primärerkrankung lässt sich häufig schneller bessern als die Sekundärfolgen auf neurologischem Fachgebiet (z.B. hypoxische Hirnschädigung, Critical-Illness-Neuro- und Myopathie oder septische Enzephalopathie), die wir dann weiterbehandeln. Aufgrund zunehmender Alterung der Bevölkerung und weiterer Erfolge der Intensivmedizin gehe ich von einem weiteren moderaten Wachstum der Neurorehabilitation aus.

4. Befürchten Sie eine ärztliche Versorgungslücke im neurologisch-rehabilitativen Bereich?

Das hängt sehr von der Lage und dem Behandlungsspektrum der einzelnen Klinik ab und lässt sich nicht verallgemeinern. Auch die Dauer der Weiterbildungsermächtigung des Chefarztes ist natürlich für viele Assistenten ein wichtiges Kriterium. Rehabilitationskliniken liegen oft in landschaftlich schöner Umgebung, aber dadurch manchmal auch recht dezentral. Früher wollte man den Patienten aus seinem städtisch-industriellen Umfeld herausnehmen und in die ruhige Natur bringen. Damals stand der Gedanke der Erholung im Vordergrund – heute halten wir den Kontakt zu den Angehörigen und dem sozialen Umfeld der Patienten für mindestens ebenso wichtig. Auch Bad Aibling liegt ja in einem halbländlichen Umfeld, etwa eine halbe Autostunde von München entfernt. Aber durch eine kleine Akutabteilung mit Stroke-Unit können wir alle Aspekte der Weiterbildung erfüllen und haben daher keine Probleme, Ärzte zu gewinnen.

5. Wie begeistern Sie junge Kollegen für die Arbeit im Reha-Bereich?

Anfänger in der Neurologie können mit weniger „Notfall-Stress“ eingearbeitet werden. Durch die längere Liegedauer kann man die Patienten besser kennenlernen. Es bleibt Zeit zur Erhebung einer ausführlichen Anamnese und etwas mehr Zeit zu Gesprächskontakten mit Patient und Angehörigen. In der Regel kann man sich seine Arbeitszeit etwas besser einteilen als in der Akutneurologie. Häufig gibt es bereits Vorbefunde, an die man anknüpfen kann. Man lernt den längerfristigen Krankheitsverlauf und auch die Effektivität einzelner Reha-Maßnahmen kennen und damit stärker die therapeutischen Aspekte der Neurologie. Gerade in der Frührehabilitation erwirbt man zusätzliche internistische Kenntnisse, weil Komplikationen, wie z.B. Infektionen, häufig sind und die Risikofaktoren zerebrovaskulärer und kardiologischer Erkrankungen zu behandeln sind. Da die meisten großen Neuro-Reha-Kliniken über eine Intensivstation verfügen, kann man auch die in der Weiterbildungsordnung vorgesehenen 6 Monate Intensivmedizin ableisten.

6. Beschäftigen Sie aktuell neurologische Assistenzärzte? Welche Möglichkeiten der Weiterbildung bieten neurologische Rehakliniken an?

Ja, in der Klinik in Bad Aibling arbeiten zurzeit 54 Ärzte, davon 35 Assistenten in Weiterbildung.
Aufgrund der zusätzlichen Ausstattung der Klinik mit einer kleinen Abteilung für Akutneurologie mit Stroke-Unit ist es bei uns möglich, die volle Weiterbildung zu absolvieren. Bad Aibling ist in diesem Sinne mehr als neurologische Fachklinik zu verstehen.

Eine Weiterbildungszeit von mindestens zwei Jahren ist aber an den meisten Reha-Kliniken möglich. In der Regel kann man dabei auch die gängigen elektrophysiologischen und sonografischen Methoden erlernen. Die Intensivmedizin hatte ich schon erwähnt.

Autor: Dietrich Sturm

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