Prof. Dr. Gahn (c) Städtisches Klinikum Karlsruhe


1. Viele Assistenzärzte haben Berührungsängste mit der Erstellung von Gutachten. Wo sehen Sie den Stellenwert und die Wichtigkeit von Gutachten in der neurologischen Facharztweiterbildung?

Gahn: Da sind zum einen sozialmedizinische Aspekte, denn dieses Thema hat große gesellschaftliche Bedeutung. Die Herangehensweise an einen Gutachten-Patienten ist anders als an einen normalen Patienten. Das Ziel bei einer Begutachtung ist nicht die Durchführung einer Diagnostik mit einer daraus resultierenden Therapie. Vielmehr muss sich ein Gutachter neben der Feststellung etwaiger körperlicher Beeinträchtigungen auch ein genaues Bild vom Umfeld und von der Arbeit des Patienten machen und in seine Bewertung mit einfließen lassen. Begutachtung ist insofern eine andere Art der Medizin und schult ungemein das logische Denken, was einem auch bei anderen Tätigkeiten in der Neurologie hilft.

Für niedergelassene Neurologen hat die Erstellung von Gutachten zudem finanzielle Anreize. Nicht zuletzt bietet eine schwerpunktmäßige gutachterliche Tätigkeit eine relative zeitliche Flexibilität, – ein Aspekt, der bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie reizvoll sein kann.

2. Was macht für Sie persönlich den Reiz der neurologischen Begutachtung aus?

In erster Linie die Auseinandersetzung mit der juristischen Denkweise. Als Gutachter muss ich eine Sprache finden, mit der man Richtern und Rechtsanwälten, also medizinischen Laien, auch komplexe medizinische Sachverhalte verständlich machen kann.

3. Gibt es Tipps, Tricks oder einen Leitfaden bei der Erstellung von Gutachten?

Sehr zu empfehlen ist das Buch „Begutachtung in der Neurologie“ von Widder und Gaidzik. Hier finden Interessierte, Anfänger und Fortgeschrittene auf viele Fragen eine fundierte Antwort.

4. Welche Fallstricke gilt es zu umgehen?

Ein wesentliches Kriterium ist die Zuordnung des Gutachtens in das korrekte Rechtsgebiet, zum Beispiel Sozialrecht, Zivilrecht, Haftrecht etc. Jedes Rechtsgebiet hat unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe, insofern ist die Anwendung des richtigen Maßstabs von größter Bedeutung.

5. Wie versucht die DGNB den Nachwuchs für das Thema zu begeistern? Gibt es ein Stipendiatenprogramm?

Die DGNB bietet ein dreiteiliges Curriculum an, in dem alle wichtigen Kenntnisse vermittelt werden, die zu einer sachgerechten Erstellung von Gutachten erforderlich sind. Dieses Curriculum bildet auch die Grundlage für den Erwerb der Qualifikation „Zertifizierter Gutachter der Deutschen Gesellschaft für Neurologie“. Assistenzärzte können zu besonderen Konditionen am Curriculum teilnehmen. Zudem vergibt die DGNB Stipendien für die Teilnahme. Alle Termine und Informationen findet man auf der Homepage der DGNB (www.anb-ev.de).

Zudem findet einmal im Jahr eine Mitgliederversammlung der DGNB statt. Diese bildet für Gutachter ein zwangloses Forum, sich untereinander auszutauschen und komplexe Fälle zu besprechen.

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