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Studie: Teppo Sarkamo, Mari Tervaniemi, Sari Laitinen, Anita Forsblom, Seppo Soinila, Mikko Mikkonen, Taina Autti, Heli M. Silvennoinen, Jaakko Erkkila, Matti Laine, Isabelle Peretz, Marja Hietanen (2008). Music listening enhances cognitive recovery and mood after middle cerebral artery stroke. Brain; 131: 866-76.

Darstellung von Dr. med. Rosa Michaelis, Abteilung für Neurologie, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

Hintergrund:  Während der ersten Wochen und Monate nach einem Schlaganfall finden im Gehirn beträchtliche neuroplastische Veränderungen statt, die durch stimulierende Rahmenbedingungen weiter verstärkt werden können (Kreisel et al., 2006). Multimodale Stimulierung verbesserte die Erholung motorischer und kognitiver Erholung dabei stärker als monomodale motorisch stimulierende Rahmenbedingungen (Maegele et al., 2005). Musikhören aktiviert weitreichende bilaterale Netzwerke von Gehirnregionen, die unter anderem für Aufmerksamkeit, Gedächtnis, motorische Funktionen und emotionale Verarbeitung verantwortlich sind. Insbesondere Musik mit Lyrik vermittelt dabei eine bilaterale Aktivierung des Gehirns während reines Wortmaterial vornehmlich die linke Hemisphäre aktiviert. Musikhören verbessert emotionale und kognitive Funktionen bei gesunden Probanden. Die lindernde Wirkung von Musik auf Angststörungen, Depressivität und Schmerzen wurde bei Patienten mit somatischen Erkrankungen bereits gezeigt. Die Hirnareale, die in die Musikverarbeitung einbezogen werden, werden vornehmlich von der A. cerebri media versorgt.


Fragestellung:
Verbessert tägliches Musikhören emotionale und kognitive Funktionen bei Menschen mit einem Schlaganfall im Stromgebiet der A. cerebri media?

Methoden: Diese einfach verblindete, randomisiert kontrollierte finnische Studie untersuchte, ob tägliches Musiköhren die Wiederherstellung von kognitiven Funktionen und Stimmung nach Schlaganfall begünstigen kann.  Während der Akutbehandlung wurden 60 rechtshändige Patienten ≤ 75 Jahren ohne Hörminderung mit links- oder rechtshemisphärischem Schlaganfall im Stromgebiet der A. cerebri media einer Musikgruppe, einer Sprachgruppe oder einer Kontrollgruppe randomisiert (20 Patienten je Gruppe) zugeteilt. Im Anschluss an die Gruppenzuteilung wurden alle Patienten einzeln von Musiktherapeuten aufgesucht und zu ihren Freizeitaktivitäten und Hobbies, einschließlich Musikhören und Lesen, befragt und über ihre Gruppenzuordnung informiert. Die Patienten wurden je nach Gruppenzugehörigkeit mit tragbaren CD-Spielern und ihrer Lieblingsmusik oder tragbaren Kassettenspielern und Hörbüchern ausgestattet. Die Patienten wurden angewiesen, in den folgenden zwei Monaten täglich mindestens eine Stunde entweder der selbstgewählten Musik oder den selbstgewählte Hörbücher zuzuhören und ein Hörtagebuch zu führen, während die Kontrollgruppe keine Materialien zum Hören erhielt. Die Musiktherapeuten suchten die Studienteilnehmer wöchentlich auf, um sie zum Hören zu ermutigen, neues Material zur Verfügung zu stellen und bei technischen Fragen Hilfestellung zu leisten. Auch das Pflegepersonal wurde in diese Unterstützung eingebunden. Daneben erhielten alle Patienten eine medizinische Standardbehandlung und Rehabilitation. Bei allen Patienten wurde jeweils zur Baseline (eine Woche nach Schlaganfall) und drei und nach sechs Monaten nach Schlaganfall eine ausführliche neuropsychologische Testung vorgenommen, die ein breites Spektrum kognitiver Tests mit den folgenden Domänen umfasste: verbales Gedächtnis, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, Sprache, visuoräumliches Arbeitsgedächtnis, Exekutivfunktion, fokussierte Aufmerksamkeit und Daueraufmerksamkeit. Zusätzlich wurde die Stimmung mit dem 38 Items umfassenden Profile of Mood States (POMS; McNair et al., 1981) erfasst. Lebensqualität wurde mit dem selbstberichteten und Proxy-berichteten Stroke and Aphasia Quality Of Life Scale-39 (SAQOL-39; Hilari et al., 2003) Fragebogen erfasst.

Ergebnisse: Es fanden sich keine signifikanten Baseline-Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen; insbesondere im Hinblick auf die kognitive Leistung, die Gestimmtheit oder auch den Einsatz antidepressiver Pharmakotherapie in der akuten oder rehabilitativen Behandlung im Verlauf betreffend. Vierundfünfzig Patienten schlossen die Studie ab. Gründe für das Nichtabschließen der Studie beinhalteten Revision der Diagnose (n=1), einen erneuten Schlaganfall (n=1), Demenz (n=1), Ablehnung (n=2), Tod (n=1). Die Analyse der Hörtagebücher ergab, dass 62% Populärmusik (Pop, Rock oder Blues) gewählt hatten, 10% Jazz, 8% Volksmusik und 20% klassische oder spirituelle Musik.  Alles in allem enthielt 63% der Musik englische oder finnische Lyrik. Die Ergebnisse nach drei Monaten zeigten eine signifikant bessere Genesung in den Domänen des verbalen Gedächtnisses und der fokussierten Aufmerksamkeit in der Musikgruppe (P jeweils = 0.049) und der Sprachgruppe (P = 0.006 und P = 0.058) im Vergleich mit der Kontrollgruppe. Nach sechs Monaten waren die Ergebnisse in diesen Domänen in der Musikgruppe signifikant besser als in der Sprachgruppe (P = 0.006 und P = 0.016) und in der Kontrollgruppe (P = 0.008). Nach der Intervention war die Musikgruppe dazu auch weniger depressiv und in einer weniger verwirrten Stimmung als die Kontrollgruppe. Es fanden sich zu keinem der post-interventionellen Zeitpunkte signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen in der selbstbeurteilten oder Proxy-beurteilten Lebensqualität.

Diskussion: Diese Ergebnisse zeigten zum ersten Mal, dass Musikhören in der Frühphase nach einem Schlaganfall kognitive Genesung verbessern und depressive Stimmung verbessern kann. Die Zuverlässigkeit des letzteren Ergebnisses ist im Hinblick auf die hochvariable Stimmung in der akuten Phase nach einem Schlaganfall wahrscheinlich eingeschränkt (Bogousslavsky, 2003). Diese Variabilität im Anschluss an einen akuten Schlaganfall ist multifaktoriell begründet: je nach Größe und Lokalisation des betroffenem Areals spielen eine akute Belastungsreaktion und neuropsychologische Veränderungen eine Rolle, die mit den insbesondere in den ersten Monaten polyphasisch ablaufenden funktionellen und strukturellen zerebralen Alterationen korrelieren.


Kommentar:
Bei der hier dargestellten Studie handelt es sich um eine Pionierstudie. In den folgenden zehn Jahren hat eine wachsende Anzahl von kontrollierten Studien die möglichen Effekte des Einsatzes musikbasierter Interventionen, wie beispielsweise Musikhören, Singen, oder das Spielen eines Instrumentes, in der neurologischen Rehabilitationsbehandlung verschiedener neurologischer Erkrankungen untersucht und bestätigt (Aleksi et al., 2017). Die hier dargestellte einfach verblindete Studie ist methodisch sehr gut gemacht mit einem bis auf die interventionsbedingte fehlende Verblindung von Therapeuten und Patienten niedrigen Bias-Risiko in allen anderen gemäß CONSORT Richtlinien für eine randomisiert kontrollierte Studie relevanten Bias-Kategorien. Im Zeitalter der wachsenden Smartphone-Nutzung auch unter älteren Patient*Innen liegt der interessante Reiz dieser Pionierstudie insbesondere in der erfreulich einfachen unmittelbaren Übertragbarkeit auf die eigene klinische Praxis. Unter Berufung auf die Studienergebnisse kann man Betroffene auf der Stroke-Unit dazu ermuntern, regelmäßig Lieblingsmusik oder Hörbücher zu hören. Aus den hier dargestellten Studienergebnissen ergeben sich interessante Subfragestellungen wie z.B.: Macht die eigene Präferenz einen Unterschied im Hinblick auf die Wirksamkeit von Musikhören oder Hörbüchern? Sind unterschiedliche Musikgenre unterschiedlich wirksam? Ist Lyrik wirksamer als reine Musik? Diese Fragestellungen sind auch in den Folgestudien noch nicht untersucht worden.

Literatur:

Kreisel SH, Bäzner H, Hennerici MG. Pathophysiology of stroke rehabilitation: temporal aspects of neuro-functional recovery. Cerebrovasc Dis 2006; 21: 6–17.

Maegele M, Lippert-Gruener M, Ester-Bode T, Sauerland S, Schäfer U, Molcanyi M, et al. Reversal of neuromotor and cognitive dysfunction in an enriched environment combined with multimodal early onset stimulation after traumatic brain injury in rats. J Neurotrauma 2005; 22: 772–82.

McNair DM, Lorr M, Droppleman LF. Edits manual for the Profile of Mood States. California: Educational and industrial testing services; 1981.

Hilari K, Byng S, Lamping DL, Smith SC. Stroke and Aphasia Quality of Life Scale-39 (SAQOL-39): Evaluation of acceptability, reliability, and validity. Stroke 2003; 34: 1944–50.

Bogousslavsky J. William Feinberg lecture 2002: emotions, mood, and behavior after stroke. Stroke 2003; 34: 1046–50

Aleksi J Sihvonen, Teppo Särkämö, Vera Leo, Mari Tervaniemi, Eckart Altenmüller, Seppo Soinila. Music-based interventions in neurological rehabilitation. Lancet Neurology 2017; 16:648-60.

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