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Es gibt ein Gleichnis von mehreren blinden Männern, die versuchen das Wesen eines Elefanten zu ergründen, dabei jedoch jeweils andere Körperteile untersuchen. Entsprechend gelangen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen und streiten, obgleich der Gegenstand der Untersuchung - der Elefant - stets derselbe geblieben ist.

Auch im 10. Semester Medizin, nach vielen Famulaturen, Blockpraktika, Vorlesungen und einem Jahr im Labor, habe ich häufig das Gefühl, dass ich der Ergründung dieses schönen Faches doch häufig eher wie ein Blinder gegenüberstehe. Auch bei Kommilitonen und Nicht-Mediziner-Freunden reicht das Spektrum der Reaktionen bei Erwähnung des Wortes Neurologie vom abschätzigen Naserümpfen über ehrfürchtig-respektvolles Staunen bis hin zu einem freudigen Glanz in den Augen. Wie also ein Fach erfassen, das —einem Elefanten gleich— an Gewicht, Größe und Vielfältigkeit eigentlich gar nicht zu erfassen ist?

Einen beispielhaften Meilenstein bot für mich die CLINICAL SUMMER SCHOOL NEUROLOGIE 2017 — Norddeutschland:
Anstelle sich auf eindimensionales Memorieren von Fakten zu fokussieren um schließlich vielleicht zu „wahren“ aber nicht universellen Erkenntnissen zu gelangen, wurde im Rahmen der Summer School auf eine ausgewogene Vielfalt von theoretischen und praktischen Aspekten geachtet. Merklich wurde dabei Wert auf die Vereinigung von Erfahrungen aus verschieden Blickwinkeln und den Austausch untereinander zum besseren Verständnis gelegt.
Die intensive Woche vom 27. Februar 2017 bis 03. März 2017 war so organisiert, dass wir 22 Studenten aus verschiedenen Universitäten (von Kiel bis München!) im ersten Teil drei Tage von morgens bis abends im Rahmen von Seminaren theoretische Grundlagen erarbeiteten und im zweiten Teil diese dann in Kleingruppen auf die jeweiligen Kliniken der 6 vortragenden Chefärzte verteilt, anwenden konnten und darüberhinaus einen sehr personalisierten Einblick in die jeweiligen Kliniken bekamen.
War das Geschlechterverhältnis der Teilnehmer - dem Medizinstudium entsprechend - überwiegend weiblich, so war der Zeitpunkt im Medizinstudium, in dem wir uns jeweils befanden recht heterogen (7. Semester bis wenige Monate vor der ersten Assistentenstelle).

Thematisch wurde ein Streifzug durch die gesamte Neurologie unternommen, wobei unter anderem Themen von A wie Apoplex über neue Erkenntnisse bei Autoimmunenzephalitiden, Demenz, neue Therapien bei Multipler Sklerose, praktische Anleitung zu Kopfschmerzen, Wernicke-Enzephalopathie bis zu Z wie Zahnradphänomen bei Parkinson behandelt wurden— um nur einige wenige zu nennen. Es wurden Fallstricke und Besonderheiten bei neurologischer Bildgebung besprochen, die Grenzen und Möglichkeiten der Liquordiagnostik wiederholt und allgemeine sowie spezifische Tipps und Tricks in der neurologisch-körperlichen Untersuchung akzentuiert.
Die Vielfalt der Themen wurde auch durch die unterschiedlichen Biographien der 6 vortragenden Chefärzte beeinflusst, da jeder andere Schwerpunkte hatte und so auch seitens der Experten das eine oder andere Mal genauer nachgefragt wurde.
Genau wie die Studenten an unterschiedlichen Punkten in ihrer „Medizinlaufbahn“ waren und entsprechend einen anderen kritischen Blick auf bestimmte Themen hatten, so kristallisierte sich auch an den unterschiedlichen Erfahrungen der Dozenten und den dadurch entstehenden Nuancierungen bestimmter Aspekte von Klinik, Diagnostik und Therapie die Komplexität und Schönheit der Neurologie. Besonders positiv waren des Weiteren die interaktiven Fallbeispiele, in denen das gerade erworbene Wissen zumindest theoretisch angewendet werden konnte und man nach und nach das Gefühl erhielt einem Patienten mit Schwindel in der Ambulanz etwas weniger hilflos (blind?!) gegenüberzustehen.
Neben diesen rein neurologischen Themen wurden teilweise auch „paramedizinische“ Themen wie „Multitasking und seinen Folgen“, „Sex and the Brain — geschlechtsspezifische Unterschiede der Hirnentwicklung“ und auch Lernoptimierung durch internalisierte Abläufe vorgestellt, mit aktuellen Studien untermauert und in der Gruppe (heiß) diskutiert. (Man sollte immer einen Zettel und Stift neben der Dusche liegen haben, da dort die besten Ideen kommen, diese aber auch schnell wieder vergessen werden!)

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie— Jeder Medizinstudent weiß aus Famulaturen und PJ, dass es eine gewisse Diskrepanz zwischen theoretisch erworbenem Wissen der Vorlesungen und dem praktischen Stations- und Ambulanzalltag gibt. auch wenn es laut Erzählungen von Chef- und Oberärzten schon deutlich besser geworden sein soll. Obgleich die Theorie sehr angenehm und lebhaft vermittelt wurde, so stellten doch die praktischen Tage auf Station gewissermaßen den Höhepunkt der Summer School da. In Gruppen von 3 bis 5 Studenten wurden wir auf die verschiedenen Kliniken verteilt und bekamen einen Einblick in die verschiedenen Abteilungen der Neurologie. Von der Röntgenbesprechung und allgemeinen Versammlung am morgen, über Visite auf der Stroke-Unit bis hin zur Untersuchung der Besonderheiten von atypischen Parkinson-Syndrom-Patienten und der hausinternen Weiterbildung zu neuen oralen Antikoagulantien wurden wir vom ganzen Team herzlich aufgenommen und konnten selbst Hand anlegen.
Ist das Bild einer Myasthenia gravis gut in einem Vortrag verständlich zu machen, so ist es doch immer noch ein weiterer Gewinn nun ein konkretes Bild und Gesicht eines Patienten sowie seinen langen Weg zur Diagnose sozusagen als Schablone im Kopf zu haben um dann bei unerklärlichen Doppelbildern eben genau das zu tun, was sich immer leichter sagt, als es getan ist — daran zu denken!
Auch der Einblick in den Alltag eines Hauses, welches kein Universitätsklinikum ist zu erhalten, kam gut an und es wurden auch im Einzelgespräch mit Assistenten kritische Fragen zum Arbeits- und Stationsalltag gestellt.

Work hard, play hard — natürlich wurde nicht nur gearbeitet, sondern auch gemeinsam die Abende verbracht. Direkt am ersten Abend trafen wir uns im Lüneburger Mälzer Brau- und Tafelhaus, wo wir uns bei Speis und Trank näher kennenlernen konnten. Der Austausch war sehr interessant, da man sonst häufig doch eher beschränkt auf die Leute aus der eigenen Universität ist. Hier war durch die bunte Mischung ein reger Austausch über relevante Themen auch neben der Neurologie, wie PJ, Doktorarbeiten und Privates möglich.
Untergekommen sind wir in einer sehr schönen Jugendherberge in Lüneburg. Auch für Verpflegung in den Pausen, sowie generell für Mahlzeiten war gesorgt. Die Erkundung der Stadt war wegen des für diese Jahreszeit recht mildem Wetters möglich.

Ich möchte mich —auch im Namen der 21 anderen Studenten — für diese wundervolle, auf verschiedenen Ebenen bereichernde Woche bei den Professoren Franz Blaes, Wolfgang Heide, Henning Henningsen, Mark Obermann, Christoph Redecker, sowie bei Privatdozent Andreas Wellmer von ganzem Herzen bedanken und damit zugleich darum bitten weiteren Generationen an Medizinstudentinnen und -studenten diese Erfahrung zu ermöglichen, den Elefanten mit noch mehr Sinnen und von verschiedenen Seiten zu ergründen. Des Weiteren möchte ich der DGN danken, da die finanziellen Aspekte so einer Veranstaltung gerade aus Sicht von armen Studenten nie zu unterschätzen sind! Last, but not least ist auch ein Dank an Frau Marita Himstedt in Lüneburg zu richten, die im Vorfeld der Veranstaltung und permanent im Hintergrund vieles organisiert und für uns erleichtert hat.

Göran Boeckel, Medizinstudent an der Universität zu Lübeck

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